Fortsetzung


Rumänien ist nach Bulgarien das zweitärmste Land Europas. In dem Agrarland mit ertragreichen Böden in der Donauebene und ausreichend Erdölvorkommen an der Schwarzmeerküste fahren immer noch meist Pferdegespanne in den Dörfern, weil Geld für Technik und Diesel fehlt. In den Städten fahren häufig gebrauchte Westwagen.
Norbert Halter vom DRK Ortsverein Lamspringe kennt Rumänien seit mehr als 20 Jahren. 1992 war der Lehrer für sechs Monate als Delegationsleiter des Deutschen Roten Kreuzes in Rumänien. Seitdem organisiert er regelmäßig Hilfstransporte.
 In diesem Herbst ist er mit seiner Frau Monika Mann, dem Lamspringer Apotheker und Vorsitzenden des DRK-Ortsvereins Jürgen Köps und Petra Meyfarth zum 25. Hilfstransport in das südosteuropäische Land aufgebrochen. Ein Schwerpunkt der Hilfe sind Medikamente. In Oradea, nicht weit von der ungarischen Grenze betreibt das Rumänische Rote Kreuz (RRK) eine eigene Apotheke, die von den Lamspringern in diesem Jahr mit Medikamenten und Hilfsmitteln im Wert von 20.000 Euro bestückt wurde. 3.500 Euro haben Halter und sein Team in den vergangenen Monaten für Lebensmittel gesammelt. Viele Ortsvereine im DRK-Kreisverband Alfeld haben das Projekt unterstützt. Das Geld reicht für rund sechs bis acht Tonnen Nahrungsmittel, die in Rumänien im örtlichen Großhandel eingekauft werden.
 Das Prinzip der DRK-Hilfe ist kein Gießkannenprinzip. „Wir wollen den Helfern hier nichts überstülpen“, sagt Norbert Halter. „Wir sagen nicht: „So wird’s gemacht“, sondern fragen „Was macht ihr, und wir können wir euch dabei unterstützen?“
Keine Kanalisation – kein fließend Wasser
Seit 20 Jahren ist die RRK-Direktorin für den Distrikt Salaj Laura Bungenteanu die Ansprechpartnerin für den Lamspringer.
Laura, eine kleine energische Frau Anfang 60 mit lila gefärbten Haaren, empfängt die Gruppe in der kleinen Stadt Zalau, zweieinhalb Autostunden entfernt von Oradea. Hier im Büro des RRK übernachten die Teilnehmer auch.
Bevor es am nächsten Morgen losgeht, wird Norbert Halter vom Fernsehen interviewt. Auch die örtlichen Zeitungen sind da, um über die Aktion zu berichten.
Beim Großhändler werden schließlich die Lebensmittel gekauft. Sie sind bereits in Tüten verpackt: Mehl, Zucker Öl, Nudeln, Reis und Waschpulver.
Laura hat entschieden, die Verteilung in der Region Plopis zu beginnen. Hier gibt es weit verstreute Hütten. Die Landschaft ist atemberaubend schön, doch die Wege dorthin sind unbefestigt. „Bei Regen und Schnee würden wir die Menschen nicht erreichen“, begründet Laura ihre Wahl. Der Herbst zeigt sich an diesem Tag von seiner schönsten Seite. Begleitet von einem Gemeindevertreter mit einer Liste der bedürftigen Personen und den Lebensmitteln macht sich das Team auf den Weg.
Die Grundstücke, die die Gruppe teilweise nur noch zu Fuß erreichen kann, empfangen die Besucher mit einer „bunten Unordnung“: Katzen, Hunde, Schweine und Federvieh. Im zugleich Wohn-, Koch- und Schlafraum lagern Erntefrüchte zum Trocknen, gleich neben der Wäsche. Im Freien dienen Erdbunker als natürliche Vorratskammern beispielsweise zur Aufbewahrung von Kartoffeln. Es gibt keine Kanalisation, kein fließend Wasser – Ziehbrunnen auf beinahe jedem Grundstück und Plump-Klosetts. Doch fast alle Häuser haben elektrischen Strom. Neben den altertümlichen Holzherden stehen vielerorts TV-Geräte. Alle Empfänger müssen ihren Ausweis vorzeigen und den Erhalt der Lebensmittel quittieren. Laura will das so.
Unterwegs treffen die Helfer immer wieder Kinder, die kilometerweit zu Fuß durch die einsame Gegend auf dem Weg zur Schule sind.
Kluft zwischen Arm und Reich
Seit 2007 gehört Rumänien zur EU. In vielen Regionen war das der Motor zum wirtschaftlichen Aufschwung. Schilder mit von der EU-geförderten Projekten legen Zeugnis davon ab. Vielerorts sind die Dorfstraßen besser als in unserer Region. Doch noch immer gibt es eine riesige Kluft zwischen Arm und Reich. Die Armut sieht man häufig erst auf den zweiten Blick. In den Dörfern stehen neben schicken Neubauten einsturzgefährdete Hütten. Auf den Straßen fahren neben Westautos Pferdewagen. Auf den Feldern arbeiten vereinzelt moderne Traktoren, aber überwiegend Ochsengespanne. 
 Bei einem gesetzlich garantierten monatlichen Mindestlohn von 157 und einem Durchschnittslohn von 340 Euro beträgt das Einstiegsgehalt für einen Arzt in Rumänien 200, für einen Facharzt 500 Euro. Einen Mittelstand gibt es kaum, die Gesellschaft ist polarisiert. Es gibt viele Arme und sehr wenig Reiche.
 Viele Arbeitskräfte wandern ab. Besonders aus dem unterfinanzierten Gesundheitssektor. Auch Sorina Petrusan will nach Deutschland. Die angehende Ärztin jobbt nebenbei in der Kosmetikbranche und dolmetscht bei Halters Besuchen in Rumänien von rumänisch ins Englische. Sorina ist ehrgeizig, wie viele der jungen Menschen in Rumänien. Genau wie Lorena Filip. Die junge Frau stemmt Familie und Beruf, kümmert sich nebenbei um den Familienbetrieb ihrer Eltern und tritt demnächst die Nachfolge von Laura beim RRK an. Beide begleiten die Gruppe.
Am Abend stellt sich eine Gruppe Jugendrotkreuzler vor. Die jungen Leute sind sehr engagiert und berichten von ihrer Arbeit. Sie helfen übers Jahr auch bei Lauras Verteilaktionen. Viele von ihnen haben dabei zum ersten Mal die Armut auf dem Land direkt erlebt.
 Am zweiten Tag steht der Empfang beim Landrat der Region Salaj an. Er ist zugleich Vorsitzender des RRK in Zalau. Auch der Chef der Feuerwehr ist dabei und lädt die Gruppe anschließend zur Besichtigung der Feuerwache ein.
 Dann geht es in die Dörfer der Region Sármásag. Begleitet werden die Helfer dieses Mal von dem orthodoxen Priester Julian Cosmin. Auch hier treffen sie wieder menschliche Schicksale und ein Landleben wie vor 200 Jahren: Viele alte Menschen, die keine oder nur eine sehr geringe Rente bekommen, kinderreiche Familien oder Alleinerziehende, abgearbeitete Frauen, die mit 40 so aus sehen, als hätten sie das Leben bereits hinter sich – und oft stimmt das sogar. Bunte Stoffe und Planen in den Unterkünften der Roma, die hier niemand „Roma“ nennt, sondern nur Zigeuner oder Gipsy, wirken beinahe pittoresk, doch die Armut ist bitter.
 Vielen Menschen fällt bei Rumänien eben auch diese Bevölkerungsgruppe als erstes ein. Über Rumänien gibt es viele Vorurteile - Straßenhunde, Kinderhändler, Korruption. Dagegen wehren sich die Rumänen. „Was können meine Kinder dazu, dass sie hier geboren sind und nicht in Deutschland“, sagt Feuerwehrchef Adrian Miron. „Wir wollen die gleichen Chancen für unsere Kinder wie im übrigen Europa.“
 Rumänien ist ein sehr schönes Land. Auch das ist Norbert Halter bei seinen Vorträgen immer sehr wichtig. „Ich will nicht nur die Armut zeigen, sondern auch das Schöne.“ Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich. Das ist für die Gruppe aus Deutschland manchmal schon beschämend. Alte Frauen reichen Früchte zum Dank, schenken selbst gebrannten Pflaumenschnaps ein. Die Gemeinde lädt zum Mittagessen in den Kinderhort, der Priester und Laura in ihre Wohnungen.
Viele setzen Hoffnung auf die EU. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Rumänien könnte sich schon bald in ein neues Eldorado für den Erwerb von Ackerland entwickeln. Gemäß dem EU-Beitrittsvertrag wird der Immobilienmarkt ab dem 1. Januar 2014 liberalisiert. Dann können auch Ausländer unbegrenzt Immobilien erwerben. Umtriebige haben bereits über rumänische Firmen gekauft. Viele Rumänen sind beunruhigt, internationale Agrarkonzerne, die nur Monokultur betreiben, könnten die kleinen rumänischen Landwirte ihres Ackerlandes berauben. Damit würde nicht nur die charakteristische Landschaft mit den kleinen Parzellen verschwinden, auch die Landbewohner wie die Frau mit ihren Zwiebeln und Kartoffeln würden ihre Lebensgrundlage verlieren.
Finanzielle Unterstützung, Medikamente und medizinische Hilfsmittel sind jederzeit willkommen. Informationen erteilt Norbert Halter, Telefon 05382 / 90 76 65