Fortsetzung



 In der szenischen Lesung „Alte Liebe“ von Elke Heidenreich und

Bernd Schröder wechseln Dialoge zwischen Lore und Harry mit

deren unausgesprochenen Gedankengängen ab. Ein  außergewöhnlicher Erzählstil mit hohem Reiz. Es sind Szenen einer langjährigen Ehe, die die ganze Palette von Stimmungen wiedergeben: Heiter, besinnlich und tieftraurig.

Aufhänger ist die Hochzeit ihrer Tochter. Erst will der Vater

nicht an der Trauung teilnehmen „Das geht mit am Arsch

vorbei“. Dann aber fährt das Paar gemeinsam hin, um zu lästern.

Es macht Spaß, den beiden zuzuhören, wie sie sich über Kleinigkeiten in die Haare kriegen. Doch der Streit bleibt nicht lange an der Oberfläche, alltägliche Dialoge wechseln mit existentiellen Fragen. Lore und Hans ziehen Bilanz über vergangene  Entscheidungen und ihre Ansprüche an das Leben. Sie fragen sich, wie ihre verbleibende Zeit miteinander aussehen  soll. Das ist beklemmend und tut zuweilen auch weh.

„Ist es schon Glück, wenn es einfach nur hält“, frage Lore „Ich leuchte nicht mehr, ich hab das Freuen verlernt.“

Die Emotionen kippen im Sekundentakt. Da wird gerade noch herzlich gelacht, und dann ist plötzlich mucksmäuschenstill im

Schafstall. Schmerzlich und vielleicht auch zu ähnlich mögen manche Erfahrungen sein - wohlbekanntes Terrain für viele.

Eben fragt Harry noch ironisch: „Wie alt muss man werden, um seine Frau zu verstehen?“, und dann nachdenklich und ernst:  „Man hofft eigentlich der erste zu sein, der stirbt. Ist das feige?“

Einer der bewegendsten emotionalsten Momente ist zweifelsohne Lores Trauer um den Tod ihrer Mutter: „Jetzt kennt mich keiner mehr als kleines Mädchen.“ Mariele Millowitsch macht diese Empfindung spürbar. „Ich habe das Gefühl, ich sitze auf einem Berg von Trümmern und rutsche ab.“

 

Auf der Hochzeit ihrer Tochter erleben Harry und Lore schließlich ein letztes Mal Augenblicke voller Glück, weil sie sich ganz auf sich besinnen. „Verweile doch, du bist so schön“, zitieren sie aus Goethes Faust und „Ist nicht dieser Satz „Weißt du noch?“ das Schönste am langen Zusammensein?“

Für anderthalb Stunden sitzen Mariele Millowitsch und Walter

Sittler nebeneinander und lesen. Jeder an seinem Tisch mit eigener  Leselampe. Mehr brauchen sie nicht, um das Publikum zu  fesseln. Walter Sittler gewinnt das Publikum mit seinem trockenen Humor,  Mariele Millowitsch kontert charmant. Manchmal schauen sie sich an, als ob sie gerade etwas ganz neues voneinander erfahren.

Dass die beiden ein perfekt eingespieltes Team sind, weiß man

spätestens seit der Fernsehserie „Nikola“. Auch in Lamspringe

beweisen sie das eindrucksvoll. Und doch scheint von Routine

keine Spur. Ihre „Alte Liebe“ macht bewusst, wie zerbrechlich

das Leben ist, und wie kostbar die Zeit, die uns noch bleibt.